Archiv der Kategorie: traurigkeit

Im Juli

Listen erstellen. Was man alles einpacken wird. Welches Kleid man an welchen Abend tragen wird. Planen ist das Beste. Ich belohne mich. Belohne mich, den ganzen Mist durchgehalten zu haben. Mit einem Kindle. Einem mit fliederfarbener Lederhülle.

Du magst ja all dieses Jungszeug. Möglichst nüchtern.

Ein Foto von vor 4 Jahren. Das Übungsbuch für arabische Kalligraphie. Wie komisch zielgerichtet alles geworden ist. Wie wenig ich jetzt Wissen erwerbe, rein um des Wissens Willen. Die frohe, neugierige Haltung, kann ich nicht wiederfinden. Das Italienisch, das ich jetzt lerne, könnte es sein. Doch geht es da mehr darum, bei einer lustigen Truppe zu sein. Ich hätte es ansonsten schon aufgegeben. Die Sprache ist auch nicht besonders schön, wenn man es mit Arabisch vergleicht.

Ich frage mich nur, warum das wichtig gewesen wäre, dass man irgendwie gleich ist, als ginge es um eine Organtransplantation. Ich weiß ja, dass diese Gedanken nutzlos sind, ich werde mich bald von ihnen verabschieden. Ich bin bloß nicht so schnell.

Es macht nichts, dass Lindner den Personenschutz für seine Hochzeit aus der Staatskasse nimmt. Seit Trump und Johnson ist Nassforsches etwas, das geadelt wurde. Es muss nichts mehr verborgen werden. Man demonstriert offen, dass es keine Grenzen gibt.

Immer noch keine abschließende Meinung zur Transgender-Debatte, vor lauter Gebrülle kommt man allerdings auch wenig dazu, einen Gedanken zu fassen. Was ich gerne lesen würde: Die Gedanken hinter den felsenfesten Überzeugungen, die sich alle gegenseitig ins Ohr megaphonieren. Recherchieren. Rumlesen. Sich doch entscheiden, da weg zu bleiben. Viel zu oft wieder die Entscheidung, weg zu bleiben. Auch das Gefühl, sich argumentiv nicht durchsetzen zu können. War schon in der anarchistischen Jugendgruppe in den 8oern so. In der Eigenbeobachtung: die seltsame Differenz, so handfest und geradeaus in den menschlichen Beziehungen und Unternehmungen, so unsicherer in den Debatten und allem Intellektuellem.

Du trägst etwas, aber ich kann nicht mit anfassen.

Ich habe zwei schöne, große Wassergläser, die ich neu gekauft habe, weil ich in irgendwas süßen Couscous und den Joghurt kippen musste, um A. einen Nachtisch zu servieren. Mit zwei goldenen Blättern auf jedem Glas. Ich schaffe mit ihnen etwas, das ich bis jetzt nie geschafft habe: Viel Leitungswasser trinken. Es schmeckt plötzlich, was objektiv natürlich Quatsch ist.

Seit langer Zeit zwei Nächte mehr als neun Stunden Schlaf. Wie viel das ausmacht. Seit 15 Jahren jetzt schon diese Residualsymptome. Letztens mal wieder mit einer Schlaftrainings-App versucht, da was zu verbessern. Mit mäßigem´Érfolg. Trotzdem den Traum nicht aufgeben, irgendwann wieder dauerhaft ausgeschlafen zu sein. Medikamente haben ein paar Jahre geholfen, aber ich will keine Medikamente mehr und meine Leber auch nicht. Und das Wesentliche funktioniert ja auch ohne,

Eiseskalte Höflichkeiten. Die Grenzen des anderen sind die Grenzen des anderen.

Im Kino Corsage gesehen. Ich mochte die ästhetischen Bilder, die Verschränkung zeitgenössischer Elemente mit historischen, den Tatbestand, Sissi nicht als frisches, dralles Mädel zu zeigen und die Filmmusik. Am Ende bleibt unklar, ob sie mit dem Sprung ins Wasser entkommt oder Selbstmord begeht (was sie mehrfach versuchte), aber als Rettungsschwimmerin würde ich sagen: Diesen Sprung überlebt man nicht. Was aber Filmmenschen vermutlich egal ist qua künstlerischer Freiheit. Was für ein nerviges Fazit auch: Frau über 40 muss sich umbringen, da sie mit dem Älterwerden nicht klar kommt. Ja nee, is klar.

Ist mir egal, ob ich irre wirke. Wenn sie was zu motzen haben, laufen sie ja auch alle auf, ansonsten halt eher nicht.

Gesprächsfetzen

Warum denn in den 80ern alles leichter war, will ich wissen. Da war der Krieg nicht konkret da, sagt er. Sie will von mir etwas über Psychopharmaka wissen, ich sage ihr, dass man die nicht braucht, wenn man strukturell keine Probleme löst. Sie macht immer noch jeden Tag Überstunden. Ich suche Dinge für sie, die sie am Abend tun kann und die sie gedanklich ablenken.

Am anderen Tag M.’s Beteuerungen wie gut sie doch klar käme und die offensichtlichen Anzeichen, dass dem nicht so ist. Sag P. er soll den Kühlschrank auswischen, wenn er zum Putzen kommt, sage ich, während ich abgelaufene Lebensmittel wegschmeiße. Wir fahren gemeinsam in die Stadt, sie kann jeweils ein Stückchen gehen, muss sich aber viel setzen. Das Herz. Am Jungfernsteig finde ich den Fahrstuhl nicht und sie muss die Treppen steigen. Es gibt nur einen auf den U-Bahnsteigen merke ich später, nicht bei der S-Bahn. Sie freut sich über den Blick auf das Rathaus, den Blick auf die Alster und die Tasse Kaffee, die wir trinken. Das schlechte Gewissen, dass ich nicht öfter da bin. Als ich frage, ob ich Ostern wieder kommen soll, scheint sie das nich zu interessieren. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Verständnis von Zeit und Planungen gehen weiter verloren.

Am nächsten Tag im Zug mit mir selbst sprechen. Nur im Gedanken, ich bin nicht nicht alleine im Abteil: Ich muss gedanklich mit jemand anderem abschließen, aber es ist immer so ein Loch, wenn man mit etwas aufhört. Jedes Mal ein kleiner Tod. Lückenfüllpläne schmieden. Das ist einfach viel zu oft so. You deserve better, hatte O. mal gesagt. Manchmal denike ich das auch, nur denkt das Leben das meistens nicht.

Da unten

Ein Blick aus dem Hotelfenster Mitte Juni in Bonn. Der Moment als sich die Welt ver-rückt anfühlte. Ihr lügt euch in die Tasche, dachte ich, wenn ihr denkt, dass alles wieder in Ordnung kommt. Wie ihr da lauft in eurem Glauben.

Was später war, das habe ich nur geträumt. Als Wunsch in meinem Kopf – jemand, der mitkommt. Neblig die Erinnerung & flieg jetzt fort, ja?

Du hast halt nichts als Scheiße im Kopf.

(Edit: Als würden sie an mir ziehen, so vom Nebel weg: Liegt eine Postkarte von M. im Kasten und P. schreibt aus L.A. Sie will nächsten Sommer nach Deutschland kommem und mich sehen. Mich. Nächsten Sommer.)

(Edit 2: Das wesentliche Gefühl 2021: Dass man sich durch dieses Leben durchprügelt.)